Regeneration von Gliedmaßen

Insbesondere bei Krebsen und Krabben kann es vorkommen, dass bei der Häutung die großen Scheren in der alten Haut stecken bleiben und dann abgeworfen werden. Auch kann es vorkommen, dass bei einem Kampf oder einem Angriff Gliedmaßen verlustig gehen beziehungsweise aktiv abgeworfen werden. Diesen Vorgang nennt man Autotomie oder Selbstabtrennung. Dass Gliedmaßen oder auch Teile des Panzers verloren gehen, ist also mehr oder weniger normal bei den Dekapoden, und die Natur hat ihnen folglich eine recht erstaunliche Regenerationsfähigkeit mitgegeben.

1 Was kann regeneriert werden?

Teile der Beine einschließlich der Scherenbeine oder auch die ganzen Gliedmaßen, die Antennen und die Elemente des Schwanzfächers, und sogar abgetrennte Stücke des Panzers können nach einem Verlust neu gebildet werden. Was nicht gut regeneriert werden kann, sind die Augen - hier bliebt es bei einem Totalverlust. Eventuell wachsen fühlerähnliche Strukturen anstelle des Auges. Wurde nur ein Teil des Auges abgetrennt, kann es eventuell regeneriert werden.

2 Vorgang

Zunächst wird an der Bruchstelle Melanin eingelagert, sodass die offenen Wunden eine dunkel rotbraune bis schwarze Färbung annehmen. Ging ein Bein oder ein Scherenbein verloren, bildet sich in einigen Fällen nach und nach an der Bruchstelle ein stummelförmiger Anhang, ein sogenanntes "gel limb" oder "Gelgliedmaße", der zunächst weißlich gefärbt ist und mit der Zeit die für den jeweiligen Zehnfußkrebs typische Farbe annimmt. Der Stummel wird nicht länger als maximal einige Zentimeter, und es gibt auch Fälle von Gliedmaßenverlust, bei denen er überhaupt nicht auftritt.

Im Zuge der nächsten Häutung wird die verlorene Gliedmaße wieder auftauchen, allerdings in der Regel deutlich kleiner. Besonders bei den großen Scheren von Flusskrebsen und Krabben ist dies auffällig. Nach zwei oder drei Häutungen hat das nachgewachsene Glied dann in der Regel die anderen Gliedmaßen größentechnisch erreicht, auch wenn es Krebse und Krabben gibt, deren nachgewachsene Scheren nie mehr die ursprüngliche Größe erreichen.

3 Was tun bei starkem Gliedmaßenverlust?

Nach Kämpfen kann es vorkommen, dass ein Krebstier so schwer verletzt wurde und so viele Beine verloren hat, dass es sich nicht mehr gegen Angreifer (auch innerartliche Konkurrenten) zur Wehr setzen kann. Ein hilfloser Krebs wird sehr schnell als Futter angesehen. Ein so schwer beeinträchtigtes Tier kann sich zwar bei der nächsten Häutung wieder regenerieren, jedoch muss es erst einmal bis zu dieser Häutung überleben. Aus diesem Grund sollten Krebse oder Krabben, die bei einem Kampf beide Scheren verloren haben, separiert werden. Dazu setzt man sie in ein kleines Extrabecken, in einen Ablaichkasten oder in eine spezielle Krebsbox aus Acrylglas. Dort kann man gezielt füttern und das Tier hat seine Ruhe.

3.1 Einrichtung des Quarantänebehälters

Herbstlaub in diesem Quarantänebehälter ist eine empfehlenswerte Beigabe. Die hier enthaltenen Gerbstoffe und Huminstoffe wirken unterstützend und sogar leicht antibakteriell, und das Laub ist ein perfektes natürliches Futter für Krebse. Des weiteren liefert das Laub dem Patienten ein Versteck und dunkelt den Quarantänebehälter etwas ab. Auch (wenig!) grünes Walnusslaub und Erlenzäpfchen können unterstützend wirken. Sauberes, sauerstoffreiches Wasser ist ein Muss.

3.2 Fütterung

Hat das Tier in der Quarantäne wegen des starken Gliedmaßenverlustes keine Möglichkeit, selbstständig an sein Futter zu gelangen, legt man es mit den Mundwerkzeugen direkt auf eine Futtertablette, damit es nicht verhungert.

Der Krebs oder die Krabbe in der Quarantäne sollte ein gutes Futter passend zu seinen Bedürfnissen bekommen. Im Zweifel füttert man das ohnehin gestresste Tier lieber vorwiegend pflanzlich, damit nicht auch noch Häutungsprobleme herbeigeführt werden, zum Beispiel durch zu proteinreiche Ernährung.

4 Häutung

Ist die nächste Häutung geschafft und der Krebs oder die Krabbe ist ausgehärtet, kann das Tier ins ursprüngliche Aquarium zurückgesetzt werden, weil es die fehlenden Gliedmaßen regeneriert hat. Leider übersteht nicht jeder Zehnfußkrebs diese doch recht stressige Situation, vor allem alte oder bereits anderweitig geschwächte Tiere haben hier manchmal schlechte Karten - einen Versuch ist es jedoch allemal wert.

 

Autor: Ulli Bauer

Quelle: Interactions between Limb Regeneration and Molting in Decapod Crustaceans1