Glockentierchen

Vorticellidae

Glockentierchen gehören der Familie Vorticellidae an. Bekannte Gattungen sind beispielsweise Vorticella, Carchesium, Rhabdostyla oder Epistylis. Es handelt sich bei Glockentierchen um einzellige Wimperntierchen (Ciliaten), die im Süßwasser leben. Die filigranen Glockentierchen sind entfernt mit Trompetentierchen verwandt, sie wirken allerdings deutlich weniger "massig" als diese und sie bleiben auch viel kleiner. Glockentierchen kann man im Aquarium öfter sehen.

Diese Einzeller bilden häufig Kolonien auf Dekoration, Pflanzen oder an der Scheibe. Sie sitzen aber auch sehr gerne auf dem Panzer von Garnelen und Krebsen auf, auf Schneckenhäusern und sogar (eher selten) auf Fischen oder auch auf Würmern.

Glockentierchen werden hin und wieder auch als  "Garnelenschimmel" oder als "Pelzkrankheit" bezeichnet - eine überflüssige Panikmache, denn mit schädlichen Schimmelpilzen oder gar einer Krankheit haben Vorticellidae überhaupt nichts zu tun. Anders als Schimmelpilze sind Glockentierchen nämlich einfach nur Aufsitzer - Ektokommensalen - und als solche für ihre Wirtstiere nicht schädlich.

Glockentierchenkolonien könnten als weißliche, feine Fusseln beschrieben werden, die als filigraner Belag auf allen möglichen Oberflächen im Aquarium sitzen. Dabei kann die Kolonie nur aus wenigen Individuen bestehen, aber auch so stark sein, dass sie mehrere Millimeter bis Zentimeter lang ist. Sehr große Kolonien sehen aus wie eine Wolke, die mit hunderten kleiner Punkte durchsetzt ist. Stupst man eine Kolonie an, kann man eine Veränderung der Form beobachten - viele Glockentierchenarten ziehen sich bei Gefahr zusammen.

1 Aussehen und Vorkommen

Glockentierchen heißen so, weil bei ihnen ein glockenartig geformter Körper auf einem Stiel mit Haftorganelle sitzt. Die Haftorganelle dient zum Festhalten auf dem Untergrund. Bei manchen Arten sind die Stiele verzweigt, dann sitzt auf jedem Stielende eine solche "Glocke" - ein Zooid. Dieser Einzeller wird nur maximal 0,25 mm lang, da manche Arten jedoch gerne Kolonien bilden, sind die Populationen oft gut mit dem bloßem Auge sichtbar. Spüren Glockentierchen eine Annäherung, können manche Arten diesen Stiel spiralförmig zusammenziehen, dann wird die Kolonie sichtbar niedriger. Andere Arten wie Epistylis können dies jedoch nicht.

An der Öffnung der Glocke sitzt ein Wimpernkranz, den man unter dem Mikroskop sehen kann. Mit diesen Wimpern (Cilia) strudelt das Glockentierchen seine Nahrung in die Mundöffnung.

Die Farbe von Glockentierchen ist beige oder grau bis weißlich. Sie leben weltweit im Süßwasser.

2 Nahrung und Fressverhalten

Glockentierchen fressen schon rein aufgrund ihrer Größe praktisch nur Bakterien, die sie mit ihrem Wimpernkranz in ihre Fressöffnung einstrudeln.

Befinden sich im Aquarienwasser viele Nährstoffe, kann sich daraus eine hohe Bakteriendichte ergeben, was wiederum einen Massenvermehrung von Glockentierchen begünstigt. Vorticellidae treten häufig in der Einlaufphase auf, wenn die Aquarienbiologie noch nicht im Gleichgewicht ist und sich im Freiwasser noch viele Bakterien befinden, aber auch bei Bakterienblüten vermehren sie sich stark. Oft sind Glockentierchen ein erstes Symptom für Bakterien im Freiwasser, wenn man ansonsten noch gar nicht viel davon bemerkt. Man kann sie auch an besonders belasteten Stellen wie Fressplätzen von Krebsen beobachten.

2.1 Problematik im Wirbellosenaquarium

Insbesondere in Krebsaquarien sieht man häufiger Glockentierchen, da Krebse nicht gerade die Aquarientiere mit den besten Tischmanieren sind und beim Essen ordentlich rumkrümeln. Die Glockentierchen an sich sind harmlose Kommensalen, die Garnelen und Krebse nicht behindern. Wird die Atemöffnung der Tiere verstopft - was nicht oft vorkommen dürfte - kann es jedoch schwierig für sie werden.

Die Bakterien, für deren Anwesenheit eine große Zahl von Glockentierchen im Aquarium spricht, können jedoch ausgesprochen problematisch im Aquarium werden. Vor allem in Aquarien mit Garnelen aus sauberen, keimarmen Biotopen wie beispielsweise Bienengarnelen oder in Aquarien mit eher empfindlichen Hochzuchten wie Taiwanern wäre eine möglichst niedrige Keimdichte anzustreben!

Sieht man Glockentierchenkolonien im Aquarium oder auch an den Wirbellosen selbst, sollte man definitiv nicht (wie ab und an empfohlen) die Glockentierchen selbst mit irgendwelchen Medikamenten bekämpfen, sondern an der Ursache des Befalls ansetzen. Oft wird eine hohe Keimdichte durch überschüssige Nährstoffe begünstigt, und die kommen in der Regel durch mangelhafte Aquarienhygiene beziehungsweise zu viel Futter.

3 Fortbewegung

Vorticellidae können ihre Haftorganellen von der Unterlage ablösen und sich dann unter Zuhilfenahme ihres Wimpernkranzes frei schwimmend sehr langsam im Wasser fortbewegen. So werden neue Regionen besiedelt.

4 Fortpflanzung

Glockentierchen vermehren sich durch Teilung. Bei manchen Arten sprosst ein neues Glied am Stiel, an dessen Ende dann wieder ein Individuum gebildet wird.

5 Wie kommen Glockentierchen ins Aquarium?

Bei ungünstigen Bedingungen wie Trockenheit oder Futterknappheit können Glockentierchen sich mit einer Cyste umgeben. Wenn das Habitat austrocknet, werden diese Cysten mit dem Wind verwirbelt, sie sind also Teil des natürlichen Staubes. Sie können also buchstäblich aus heiterem Himmel im Aquarium auftauchen, aber selbstverständlich kann man sich Glockentierchen auch aufsitzend auf Garnelen, Krebsen - so wie im Foto unten auf den Fresswerkzeugen eines Cambarellus patzcuarensis "orange" -, auf Pflanzen oder auf Dekoration aus laufenden Aquarien oder als Aufsitzer auf Schneckengehäusen ins Aquarium holen.

6 Überlebenstechniken

Vorticellidae schützen sich bei schlechten Lebensbedingungen, indem sie eine zähe Membran bilden und sich so mit einer Cyste umgeben, die sie vor der Austrocknung, dem Verhungern und vor schlechten Wasserwerten bewahrt. Bei plötzlich auftretenden Wasserbelastungen durch Gift funktioniert dieser Mechanismus allerdings nicht.

Glockentierchen besiedeln auf diese Weise über die Luft neue Biotope.

7 Glockentierchen eindämmen

Glockentierchen braucht man eigentlich nicht direkt zu bekämpfen - beseitigt man die Ursache nicht, kommen sie ohnehin wieder. Da sie jedoch den Wirbellosen im Aquarium, auf deren Panzer oder auf deren Haus sie aufsitzen, keinen Schaden zufügen, kann man sich daran auch durchdacht und in Ruhe machen, Panikaktionen schaden hier eher als dass sie nützen. Sitzen Glockentierchen auf Fischen auf, ist es möglich, dass ihre Schleimhaut geschädigt wird und es zu Sekundärinfektionen kommt, dann besteht natürlich auf jeden Fall Handlungsbedarf.

Manche Aufwuchs fressende Fische und Wirbellose nehmen Glockentierchen als Nahrungsquelle. Tauchen vermehrt Glockentierchenkolonien auf, kann dies ein Hinweis auf eine starke Bakterienbelastung des Aquarienwassers sein. Dagegen sollte man natürlich vorgehen. In unserem Wiki-Artikel "Die Keimdichte senken" findet ihr Maßnahmen, wie man diese Keimdichte effektiv senken kann. Indirekt beeinflusst die dann folgende Nahrungsverknappung auch die Glockentierchen.

 

Autor: Ulli Bauer

Fotos: Sandra Fischer, Anna Zdzieblik, Christiane Kienesberger

Quelle: MACIASZEK R., KAMASZEWSKI M., STRUŻYŃSKI W., ŁAPA P., Epibionts of ornamental freshwater shrimps bred in Taiwan