Einrichten eines Aquariums – die Einlaufphase

Als Einlaufphase bezeichnet man die Zeit ab dem Befüllen des Aquariums bis zu dem Punkt, an dem das Aquarium ein stabiles Gleichgewicht erreicht hat.

1 Die ersten Tage

Ein frisches Aquarium ist in der Regel noch ein biologisch praktisch totes Aquarium. Kleine Wassertierchen sucht man vergeblich, auch einen Bakterienfilm gibt es noch nicht.

Nach ein paar Tagen jedoch kann man bereits an den Scheiben des Aquariums eine schleimige Schicht bemerken, an der Wasseroberfläche zeigt sich manchmal ein öliger Film und auf Wurzelhölzern entdeckt man eventuell auch weiße (oft als „Schimmel“ bezeichnete) Beläge. Das sind eindeutige Anzeichen dafür, dass das Aquarium "einläuft" – Bakterien vermehren sich und bilden Biofilme, oft auch in Gemeinschaft mit Algen wie den braunen Kieselalgen (oft auch als irrtümlich als Braunalgen bezeichnet - Braunalgen als solche gibt es jedoch nur im Meer). Besonders gut vermehren sich Biofilme an nährstoffreichen Orten wie an den genannten Hölzern. Diese weißen, wie Schimmel aussehenden Beläge werden auch als Abwasserpilz bezeichnet. An der Wasseroberfläche nennt man den Bakterienfilm Kahmhaut.

Langsam nehmen im einfahrenden Aquarium auch die nitrifizierenden Bakterien ihre Tätigkeit auf: den Abbau bzw. die Umwandlung von Ammonium und Ammoniak zu Nitrit und von Nitrit (welches höchst toxisch für die meisten Aquarientiere ist) zu Nitrat.

2 Ein stabiles Gleichgewicht

Hat das Aquarium ein stabiles Gleichgewicht erreicht, reagiert es nicht mehr so sensibel auf diverse Einflüsse von außen. Die Wasserqualität bleibt mehr oder weniger konstant. Im Mini-Ökosystem Aquarium laufen ständig Stoffwechselprozesse der Aquarienbewohner (Tiere, Pflanzen, Bakterien) ab. Besonders wichtig ist der Prozess der Nitrifikation, denn er sorgt dafür, dass organische Abfälle (Futter, Ausscheidungen, Pflanzenreste) das Wasser nicht kippen lassen, sondern wandelt diese in den Pflanzennährstoff Nitrat um.

3 Der Nitritpeak

In der Einfahrphase des Aquariums tritt bei den meisten Aquarien der sogenannte Nitritpeak ein. Darunter versteht man einen Anstieg des Nitritgehaltes, der mehr oder weniger deutlich ausfallen kann.

3.1 Entstehung

Der Nitritpeak entsteht folgendermaßen: Der Abbau von organischem Material ist bereits angelaufen. Eiweiße werden von Bakterien zu Ammonium (NH4) / Ammoniak (NH3) abgebaut, das wiederum von anderen Bakterien zu Nitrit (NO2) verstoffwechselt wird. Die Menge der Bakterien wird immer vom Nahrungsangebot bestimmt. Wurde zuvor noch nicht viel Nitrit gebildet (was in neuen Aquarien naturgemäß der Fall ist), ist die Anzahl der Nitratbakterien noch zu gering, die Nitrit zu Nitrat (NO3) abbauen, und so kommt es zu einer Akkumulation von Nitrit. Das Phänomen des Nitritpeaks ist also ganz natürlich, es erledigt sich sozusagen von selbst, wenn die Nitratbakterien aufgeholt haben und zahlenmäßig mit dem Nahrungsangebot mithalten können.

3.2 Ammoniumpeak

Dem Nitritpeak geht in der Einfahrzeit des Aquariums aufgrund der oben beschriebenen Gesetzmäßigkeiten ein Ammoniumpeak voraus, der demselben Prinzip folgt, der allerdings in der Literatur nicht so stark gewichtet wird wie der Nitritpeak.

4 Wie lange sollte die „Einfahrphase“ dauern?

Faustregel: Die Einfahrphase soll mindestens so lange dauern, bis ein Nitritanstieg (der Nitritpeak) messbar wurde und daraufhin das Nitrit auf 0 fiel.
In vielen Fällen trifft diese Regel zu, jedoch nicht in allen.

4.1 Grundlagen

Bakterien brauchen Nahrung um sich entsprechend zu vermehren – ist wenig Nahrung vorhanden, ist dementsprechend auch die Bakterienanzahl beschränkt. Haben Bakterien in der Anfangsphase wenig organische Materie zu verstoffwechseln, fällt dementsprechend auch nur wenig Nitrit an, welches rasch in (wenig) Nitrat umgewandelt und oft auch direkt von den Pflanzen verbraucht wird. In diesem Fall sind weder Nitrit noch Nitrat messbar, und es ist kein Nitritpeak erkennbar. Das Aquarium ist in diesem Fall dann allerdings trotzdem nicht bereit für den Besatz.

4.2 Verspäteter Nitritpeak

Durch das Einsetzen einer größeren Gruppe von Tieren kann es in einem solchen Fall vorkommen, dass der gefürchtete Nitritpeak erst dann eintritt, da nun gefüttert wird und in Kombination mit den Ausscheidungen eine größere Menge organischer Abfälle von Bakterien verstoffwechselt werden muss.

4.2.1 Gegenmaßnahmen

Tritt ein verspäteter Nitritpeak in einem bereits mit Tieren besetzten Aquarium ein, muss man so lange große Wasserwechsel durchführen, bis der Nitritwert nicht mehr ansteigt. Nur so kann man die Aquarientiere vor dem für sie giftigen Nitrit schützen. Besonders empfindlich reagieren neben Aquarienfischen auch Garnelen aus nährstoffarmen Biotopen auf Nitrit: Bienengarnelen, Tigergarnelen, andere Bachgarnelen wie Caridina cantonensis sowie die Sulawesi-Garnelen aus dem Mailili-Seensystem wie die Kardinalsgarnele, die Blaufuß-Garnele, die Harlekingarnele, Caridina spinata und viele mehr.

Sinkt der Nitritwert partout nicht ab, sollte man darüber nachdenken, das Aquarium mit einem entsprechenden Bakterienpräparat nachzuimpfen, damit eine ausreichende Menge an nützlichen Bakterien eingebracht wird und das System so auf den richtigen Weg gebracht wird.

4.3 Vorbeugen

Um einem verspäteten Nitritpeak vorzubeugen, empfiehlt es sich, die Bakterien in einem frischen Aquarium zu füttern. Ein paar wenige Futterflocken genügen dazu. Insbesondere für Anfänger ist es ratsam, die Empfehlungen für die Dauer des Einfahrens einzuhalten.

4.3.1 Starterbakterien vs. Filterschlamm aus laufendem Becken

Auch das Animpfen mit einem Bakterienpräparat kann sinnvoll sein, damit sich die richtige Bakterienflora herausbilden kann. Keine zwei Aquarien sind gleich, daher ist der oft gehörte Ratschlag, man möge das Aquarium mit Filterschlamm aus einem laufenden Becken animpfen, mit Vorsicht zu genießen. Hat sich eine sehr spezielle Bakterienflora herausgebildet, ist es möglich, dass ein solchermaßen angeimpftes Aquarium, dessen Biologie sich deutlich von dem anderen System unterscheidet, nie richtig ins Laufen kommt. Hier sollte man gegebenenfalls auf ein Bakterienpräparat mit Starterbakterien oder auf einen Erdaufguss zurückgreifen, damit sich die aquarienspezifische Bakterienflora aus einem breiten Spektrum herausbilden kann. Welche Möglichkeiten es zum Animpfen gibt und wie's gemacht wird, erfahrt ihr im Wiki-Artikel: "Aquarium animpfen".

4.4 Empfehlung zur Dauer der Einfahrzeit

Ein Aquarium kann je nach Tierart, die gepflegt werden soll, zwischen zwei bis sogar acht Wochen brauchen, bis es eingefahren ist. Bei einigen Tieren wie zum Beispiel Rennschnecken, Geweihschnecken oder anderen Aufwuchsfressern ist es auch abhängig davon, wie viel Aufwuchs bereits vorhanden ist.

5 Das Aquarium besetzen

Nach einer erfolgreichen Einfahrphase kann das Aquarium nun langsam besetzt werden. Empfehlenswert ist es, mit unempfindlichen Schnecken wie Malaiischen Turmdeckelschnecken, Genoppten Turmdeckelschnecken (Nöppis) und Posthornschnecken zu beginnen, um die schadstoffabbauenden Bakterien im Filter und im Bodengrund langsam an die zunehmende Belastung zu gewöhnen.

Ein paar Tage später können dann Garnelen dazugesetzt werden, noch etwas später können dann Fische oder große Krebse folgen. Auch bei Fischen gilt: Es ist besser, die einzelnen Arten gesondert einzusetzen und nicht gleich den ganzen Besatz komplett in das noch immer relativ fragile Ökosystem zu werfen.

Besonders in der ersten Zeit sollte sparsam gefüttert werden, so dass sich die Bakterienpopulation langsam an die neue Belastung gewöhnen kann und man keinen Nitritanstieg riskiert.

 

Autor: Ricardo Castellanos
Co-Autor: Ulli Bauer

Fotos: Ricardo Castellanos