Fortpflanzung und Paarung bei Garnelen

1 Die Fortpflanzungstypen

Bei der Fortpflanzung unterscheidet die Wissenschaft die Süßwassergarnelen in drei Typen:

  • Spezialisierter Fortpflanzungstypus (abbreviated)
  • Teilweise spezialisierter Typus (partially abbreviated)
  • Primitiver Typus (prolonged)

 

1.1 Spezialisierter Typus

Hier trägt das Garnelenweibchen recht große Eier, aus denen millimeterkleine, praktisch fertig entwickelte Jungtiere schlüpfen, die nach den ersten Häutungen bereits wie eine fertige Garnele aussehen. Zum spezialisierten Fortpflanzungstypus gehören beispielsweise Neocaridina davidi und Neocaridina palmata, aber auch Caridina logemanni, die Bienengarnele, Caridina mariae, die Tigergarnele und viele andere weitere in der Aquaristik bekannte und beliebte Zwerggarnelen.

1.2 Teilweise spezialisierter Typus

Das Weibchen hat relativ kleine Eier und entlässt benthische (also frei schwimmende) Larven, die im Süßwasser überleben und nach wenigen Larvenstadien ebenfalls die Metamorphose zur fertigen Garnele hinter sich bringen. Dem teilweise spezialisierten Fortpflanzungstypus gehören beispielsweise Caridina babaulti an.

1.3 Primitiver Typus

Hier schlüpft der Nachwuchs aus winzigen Eiern, von denen das Garnelenweibchen mehrere Hundert bis Tausend trägt. Sie durchlaufen mehrere Zoea-Stadien bis zur fertigen Junggarnele. Die Larven benötigen in dieser Phase Brackwasser bis Meerwasser. Wenn sie die Metamorphose zur Garnele hinter sich gebracht haben, wandern sie in der Natur zurück in Süßwasser und müssen auch bei einer Nachzucht ins Süßwasser gesetzt werden. Die Amanogarnele (LINK) ist ein Paradebeispiel für den primitiven Fortpflanzungstypus.

Amanogarnele_eiertragendes_Weibchen_Caridina_multidentata_ovigerous

2 Voraussetzungen für eine erfolgreiche Garnelenzucht

Neben guten Haltungsbedingungen und einem ausreichend großen Aquarium müssen in der Zuchtgruppe natürlich Männchen und Weibchen vorhanden sein.
Die Geschlechtsreife erreichen Süßwassergarnelen ungefähr ab ihrem dritten Lebensmonat, in Abhängingkeit von der Wassertemperatur.

3 Die Unterscheidung der Geschlechter

Die Männchen sind vom Körperbau her im Vergleich zu den meist bulligeren Weibchen eher zierlich und schlank. Bei den Weibchen sind die Segmente am Hinterleib schaufelförmig nach unten ausgezogen und bilden so die Bauchtaschen.

Die männlichen Tiere sind ab der Geschlechtsreife grundsätzlich paarungsbereit, die Weibchen hingegen nur phasenweise. Diese Phasen hängen zum einen von der Eibildung im sogenannten Eifleck ab, zum anderen von der Häutung. Als Eifleck bezeichnet man den Laichansatz, also noch nicht befruchtete und nicht fertig entwickelte Eier in den Eierstöcken. Nur die weibliche Garnele hat ihn. Der Eifleck sitzt im Nacken direkt hinter dem Kopf.

4 Die Paarung

Die Ausbildung der unbefruchteten Eier kann bis zu sechs Wochen dauern. Manche Arten legen auch eine Winterpause, also einen Vermehrungsstopp in der kalten Jahreszeit ein. Sind die Eier fertig ausgebildet, muss sich das Weibchen zunächst häuten. Nur nach einer Häutung ist sein Panzer weich genug, damit es die Eier auspressen kann. Durch die Häutung werden Lockstoffe (Pheromone) freigesetzt, was die Männchen auf den Plan ruft. Diese schwimmen nun wild, aber kontrolliert auf der Suche nach dem Weibchen umher - das sogenannte Paarungsschwimmen.

 

Haben sich beide Geschlechter zusammengefunden, beginnt die eigentliche Paarung. Das Männchen klammert sich zunächst am Rücken des Weibchens fest, um so dem wild schlagenden Hinterleib des Weibchens zu entgehen. Die Männchen heben dabei oft ihr Pleon so hoch wie möglich an, um nicht getroffen zu werden. Sobald sich die Chance ergibt, rutscht das Männchen seitlich am Weibchen hinunter und positioniert sein Samenpaket, den Spermatophor, nahe der Geschlechtsöffnung des Weibchens, die sich zwischen dem letzten Schreitbeinpaar befindet. Das Männchen macht sich danach von dannen. Auch eine Befruchtung durch mehrere Männchen ist möglich. Anschließend drückt das Weibchen seine Eier mit krümmenden Bewegungen am Spermatophor vorbei durch die Geschlechtsöffnung in die Bauchtaschen. Hierbei vermengen sich die Eier mit dem Samen und werden dadurch befruchtet. Die Eier werden mit einem klebrigen Faden, dem Filament, an die Schwimmbeine geheftet.

5 Brutpflege

In den nächsten Wochen betreibt die weibliche Garnele Brutpflege. Sie fächert immer wieder mit ihren Schwimmbeinen Frischwasser durch ihr Eipaket, um einer Verpilzung vorzubeugen und die Eier mit sauerstoffhaltigem Wasser zu versorgen. Auch das Umsortieren der Brut oder das seitliche Anheften einzelner Eier außerhalb der Bauchtaschen kann man beobachten. Sind die Eier nicht befruchtet oder verpilzen sie, sortiert das Weibchen sie aus und wirft sie ab.

 

Die Dauer der Tragezeit hängt dabei stark von der Umgebungstemperatur ab. Je wärmer es ist, desto schneller laufen die Stoffwechselvorgänge bei wechselwarmen Tieren, zu denen Zwerggarnelen ebenfalls gehören.

6 Entlassen

Nach dem Ende der Tragezeit schlüpfen die Garnelenbabys und verlassen die Mutter - sie werden entlassen, wie man diesen Vorgang auch nennt. Dabei wedelt das Garnelenweibchen die Kleinen förmlich unter dem Bauch heraus.

 

Die Kleinen sind vom Moment des Schlüpfens an selbstständig im Aquarium unterwegs und kehren nicht mehr zu ihrer Mutter zurück. Anfangs häuten sich die Garnelenbabys mehrmals täglich, später werden die Abstände immer größer. Insbesondere am Anfang ist die Zeit kritisch für die Kleinen. Sie brauchen Verstecke (Moos, feinfiedrige Pflanzen und eine Schicht braunes Herbstlaub helfen hier enorm) und vor allem gutes Futter auch in Form von Aufwuchs.

 

Autor: Philipp Well
Co-Autor: Ulli Bauer

Fotos: Thomas Naumann, Julius Drechsel, Garnelenhaus, Video Paarungsschwimmen: Philipp Well, Video Garnelenmama sortiert Eier: Tamara Stamm, Video Garnelengeburt: Tatjana Pfeiffer